Jetzt bin ich dran

Hallo, ich bin Noah. Das jüngste Familienmitglied. Heute genau acht Monate alt. Eigentlich schreiben immer Mama und Papa ihre Erlebnisse, heute bin ich mal dran zu erzählen. Wisst ihr, mich hat niemand gefragt, ob ich überhaupt reisen will. Geschweige denn in dieses Land. Nun erfahrt ihr, wie ich das alles finde.

Nun gut. Hier lächeln mich alle Menschen immer an oder spielen mit mir. Das finde ich toll. Manchmal nehmen mich Fremde auf den Arm. Wenn ich es nicht mag, fange ich einfach an zu weinen und Mama oder Papa kommen schnell und retten mich. Weinen hilft, das habe ich schon gelernt. Immer wenn ich weine, kommt sofort jemand angerannt. Ich habe die gesamte Familie im Griff.

Meine Schwester Lara macht viel Quatsch mit mir. Wenn ich sie sehe, lache ich mit ihr. Das freut sie ganz arg. Wir verstehen uns super. Manchmal ist sie etwas zu wild, dann rufe ich Mama und Papa um Hilfe. Beim Autofahren kümmert sie sich ständig um mich. Sie singt mir was vor oder hält mir die Hand. Von ihr kann ich viel lernen. Nur ihre Spielsachen teilt sie nicht ganz so gerne mit mir.

Sprechen kann ich leider noch nicht. Im Moment schaffe ich ein paar Laute wie mamamamama oder papapapa. Muss reichen. Es versteht mich nur niemand. Doof. Ich will allen damit so viel erzählen. Mama und Papa denken immer, dass ich sie rufe. Was für ein Quatsch.

Seit vier Wochen kann ich krabbeln. Nicht nur ein paar Meter links und rechts. Die ganze Welt will ich entdecken. Restaurantböden, Hüttenboden, alles. Ich bin mittlerweile richtig schnell. Mama und Papa kommen kaum hinterher. Das ist so lustig. Für mich. Ich lache die beiden immer an und krabbele ihnen davon. Sitzen, das ist Standard, nichts Besonderes mehr. Ihr glaubt gar nicht, wie angenehm das ist. Nicht mehr nur auf dem Bauch zu liegen in dieser anstrengenden Kobra Haltung. Toll. So sehe ich auch viel mehr. Aber es hat ein wenig gedauert, bis ich vom Krabbeln ins Sitzen kam. Manchmal falle ich noch um, einfach so. Ohne Vorwarnung. Wenn ich müde bin oder steil nach oben schaue, kann ich das Gleichgewicht noch nicht richtig halten. Das ist so schwierig. Leider ist der Boden immer sehr hart, nur Fliesen oder Beton. Mama und Papa könnten sich ruhig mal einen weicheren Boden aussuchen. Das tut nämlich ganz schön weh. Manchmal gibt es Holzböden, die finde ich viel besser. Erst einmal während der gesamten Reise hatten wir einen Teppichboden. Das war sehr viel angenehmer zum Krabbeln. Meine Eltern setzen einfach falsche Prioritäten bei der Wahl der Unterkunft. Aber da ich noch nicht richtig sprechen kann, verstehen sie mich nicht.

Durch das Krabbeln kann ich viele neue Dinge entdecken. Am liebsten mag ich gerade Blätter und Schuhe. Vor ein paar Tagen gab es auch Sand, lecker! Hier im Dschungel liegen so viele Blätter auf dem Boden, aber Mama nimmt sie mir immer ab, wenn ich es endlich geschafft habe, sie in die Hand zu nehmen und Richtung Mund zu führen. Sie sagt: „Nein nein, Noah“ und weg ist das Blatt.

Einmal habe ich es doch geschafft, dass ein Stück des Blattes zuerst im Mund und dann im Magen gelandet ist. Mama war ganz aufgeregt und wirklich gut geschmeckt hat es auch nicht. Ein paar Minuten später habe ich mein ganzes Frühstück mit dem Blatt ausgespuckt. Mama war froh und Amanda, die Besitzerin unseres Bungalows, fand es überhaupt nicht lustig. Es stank ziemlich und Mama musste erst einmal putzen. Ich konnte wieder lachen und habe mich gewundert, warum alle so aufgeregt waren.

Wisst ihr, was dagegen ausgesprochen gut schmeckt? Schuhe. Mamas Schuhe, fremde Crocs, Laras Keen. Ich lecke mit Genuss daran. Papa hat schon Angst, dass ich ein Schuhfetischist werde. Ich lutsche ganz besonders gerne an der Sohle und den Schnürsenkeln. Aber auch das darf ich nicht. Mama und Lara verstecken die Schuhe immer. Aber ich bin flink, ich finde sie doch wieder. Papas Schuhe mag ich am liebsten, die stinken richtig und haben immer eine dreckige Sohle. Nachts müssen sie immer vor die Türe oder auf die Terrasse, sonst schimpft Mama. Morgens schüttelt Papa sie immer kräftig. Aus Angst, dass sich interessante Tiere darin wohlfühlen. Mama legt mir Spielsachen hin, damit ich die Schuhe in Ruhe lasse. Aber nun muss ich seit vier Wochen mit der Holzraupe, dem Greifring oder einem kleinen blauen Plastikboot spielen. Könnt ihr euch vorstellen, wie langweilig das ist?

Sehr langweilig. Da suche ich mir lieber etwas anderes. Laras Bücher sind toll, die schmecken lecker. Aber da schimpft Lara mit mir. Doch irgendetwas finde ich immer und manchmal bin ich eben auch schneller als Mama, Papa und Lara und kann für ein paar Sekunden mit neuen Dingen spielen. Seit fast zwei Wochen ziehe ich mich nun auch an Stühlen oder Papa hoch. Dann stehe ich. Und bin auf Augenhöhe mit den anderen Menschen um mich rum. Meine Eltern verwechseln meine Schwankungen im Stehen mit Unsicherheit. Stimmt nicht. Das mache ich nur, damit mir alle gespannt zu sehen. Jeden Tag werde ich sicherer und vor zwei Tagen habe ich es geschafft, mich zu drehen und einen Fuss vor den anderen zu setzen. Juhu, bald komme ich bestimmt auch im Stehen vorwärts.

Eine Sache erzähle ich euch noch. Seit ich sitzen kann, darf ich nun im Hochstuhl am Tisch essen. Aber Mama und Papa geben mir immer noch diesen Brei. Den mag ich nicht mehr so gerne. Ich bin doch schon groß und dachte, am Tisch gibt es nun endlich etwas Richtiges zu essen.

Ja, ok, sie geben sich viel Mühe und kochen jeden Tag mein Mittagessen mit frischem Gemüse. Immer wieder Kartoffel, Karotte, Blumenkohl, Brokkoli, manchmal auch mit Fleisch. Und jeden Tag gibt es Milchbrei – mit Dinkel oder Hafer, igitt. Etwas eintönig. Manchmal spucke ich den Brei einfach aus, so dass Papa und ich voller farbiger Flecken sind. Ich lache und finde es lustig, Papa eher weniger. Aber vielleicht versteht er so, dass er mir einfach etwas anders zu essen geben muss. Ich esse lieber die Dinge, die auf dem Tisch stehen. Papaya liebe ich. Und Banane. Und Fisch. Aber Mama sagt oft, das kann ich noch nicht essen. Es ist oft zu hart zum Kauen für mich oder zu sehr gewürzt. Immer diese Bevormundung.

Aber wenn ich Mama und Papa richtig verstanden habe, gibt es in ein paar Tagen keinen dieser aus Deutschland mitgebrachten Hafer- und Dinkelbreie mehr. Dann müssen die beiden sich etwas Neues überlegen. Denn hier in Costa Rica gibt es so etwas nicht zu kaufen.

So das war’s von mir. Nun habe ich Hunger und stürze mich ins nächste Abenteuer. Bis bald, Euer Noah

Ein Gedanke zu “Jetzt bin ich dran

  1. Hallo Noah! Schön, das du dich mal zu Wort meldest. Das sind ganz schöne Abenteuer, die dir uns hier geschildert hast. Das zeugt von viel Mut und Abenteuerlust. Super auch, das du deine große Schwester Lara immer an der Seite weißt. Sie ist ein taffes und kreatives Mädchen und auf Lara ist immer Verlass! Grüße sie, sowie deine Elltern , ganz herzlich von mir. Passt gut auf Euch auf!
    Liebe Grüße Ela

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s