Zwischen Glück und Angst

Auf dem Schotterweg nach Boca Tapada kommen wir an Pferden vorbei. „Ich würde so gerne wieder auf einem Pferd sitzen“, kommt es hinten aus dem Auto gerufen. Lara liebt Pferde. Schon immer. Dieses Frühjahr durfte sie einmal auf einem Pferd reiten. Seitdem will sie mehr. Wir nicht.

Ich, Robert, bin durch die anspruchsvolle Fahrtstrecke nicht ganz bei der Sache und sage leichtsinnig: „Klar, wir fragen mal in der Lodge, ob das möglich ist“.

Was man als Eltern zusagt, auch wenn es beiläufig ist, gilt bei Kindern als in Stein gemeißeltes Versprechen. Wir müssen fragen.

Kurz vor dem Abendessen im offenen Restaurant nutzen wir die Gelegenheit und fragen unseren Gastgeber Marco: „So eine knappe Stunde. Lara oben auf dem Pferd. Robert würde nebenher laufen und sie festhalten. Es geht nicht um Entfernung. Nur um das Erlebnis.“ Nadine versucht in sehr gebrochenem Spanisch unser Anliegen zu erklären. „No problema. Kriegen wir hin. Morgen um vierzehn Uhr.“ Marco kennt jemanden, der ab und zu Touristen auf Pferden durch das Refugio mitnimmt. Wir hoffen, dass Marco uns richtig verstanden hat. Er hat gefühlt zu schnell zugesagt. „Nicht eigenständig ausreiten, nur einmal um den Block führen.“ Nadine betont es noch einmal. Haben wir uns richtig ausgedrückt? Sollte passen. Wir einigen uns. Lara hüpft freudig durchs Restaurant und fängt an, die Stunden zu zählen. Immer wieder die Frage, wie lange dauert es noch.

Am nächsten Morgen ist Marco nicht mehr so zuversichtlich. Er kann den Guide telefonisch nicht erreichen. Er will aber vorbeifahren, als er die Enttäuschung von Lara sieht.

Pünktlich um vierzehn Uhr treffen wir uns am Eingang. Marco übergibt mir ein Bettkissen. Er zeigt auf Lara. Ich habe Fragezeichen in den Augen. Zwei Pferde stehen gesattelt bereit. Hugo, der Reiter, kann nur spanisch und ist wohl Cowboy oder so etwas von Beruf. Ende Vierzig, sonnenverbrannt, drahtig.

Er reicht mir das Seil des grauen Pferdes und wartet ab. Klassische Zügel gibt es nicht. Er geht wohl davon aus, dass ich reiten kann. Ich gestikuliere, dass Lara allein aufs Pferd will und ich neben her laufen möchte. Er soll bitte das Pferd führen. Und reiten kann ich auch nicht. Er ist überrascht. Ändert aber seine Gestik nicht. Ich soll zusammen mit Lara aufs Pferd. So oder gar nicht.

Also ich hoch. Sattel einstellen. Das Kissen wird mir gereicht. Dann Lara – immerhin mit Reithelm. Sie sitzt nun vor mir auf dem Kissen auf einem für zwei Personen zu engen Sattel. Hugo steigt auf sein Pferd und reitet los.

Ähhh, Moment. Ich rufe nach Hugo. Ich bin nicht sicher, was ich machen soll. Mit dem einen Arm halte ich Lara. Mit der anderen Hand das Seil. Blitzschnell wird mir klar: Diese Situation habe ich nicht unter Kontrolle. Das kann nicht gutgehen. Was machen wir hier eigentlich?

Hugo muss wohl meine Unsicherheit gemerkt haben. Er dreht um und deutet auf das Seil. Zur Seite bedeutet: lenken, Seil ziehen: bremsen, lockerlassen: Gas geben, Lara mit meinem Arm gut angeschnallt lassen. So übersetze ich seine Gestik in Autofahrerdeutsch. Aha.

Lara ist glücklich und will endlich los. „Vertrau mir Papa, ich kann reiten. Entspann dich.“ Sie ist vier Jahre alt. Aber selbstsicher wie eine Große. Was soll ich diskutieren. Blaue Augen, die überglücklich schimmern. Also los, hinterher. Seil locker lassen.

Wir gehen im Schritt in Richtung Refugio, dem regionalen Regenwaldpark. Es ist wunderschön hier. Ich beginne mich zu entspannen. Hugo zeigt auf Kapuzineraffen in den Bäumen. Ich genieße die Umgebung. Lara hat dafür keine Augen. Ihr geht es ums Reiten.

Er entfernt sich zunehmend. Unser Pferd merkt wohl meine Unruhe und macht langsam. Rede ich mir zumindest ein. Muss ich mir Gedanken machen? Keine Ahnung. Unser Pferd läuft selbstständig. Was soll´s. Lara möchte das Seil. „Papa, ich kann reiten. Lass mich. Ich mach das schon.“ Anfangs versuche ich ihr noch zu erklären, dass eine einzige Reitstunde bei uns zu Hause noch keine Reiterin aus ihr macht. Dann kapituliere ich und lasse ihr den Glauben.

Keine gute Idee. Plötzlich höre ich ein: „Hüh-hott, schneller Pferd. Auf geht’s.“ Lara wurmt es, dass Hugo flotter reitet. Sie will aufschließen. Mir reicht das Tempo vollkommen. Gott sei Dank reagiert das Pferd nicht und trottet weiter. Es scheint nur Spanisch zu verstehen – mein Glück.

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Wir reiten auf immer engeren Pfaden. Nein, ich bin nicht entspannt: Wenn sich hier das Pferd vor einem anderen Tier erschrickt. Oder stolpert. Oder im matschigen Boden steckenbleibt. Es muss nicht mal hochsteigen oder davongaloppieren. Jede Geschwindigkeit außer diesem aktuellen Schritt würde uns runterfallen lassen. Das nächste Krankenhaus ist viele Stunden entfernt. Wobei die Entfernung egal ist. Wie kommen wir überhaupt dahin? Das ist die entscheidende Frage. Zwei Stunden Schotterpiste unterstützen sicher nicht die Wundheilung eines Knochenbruchs. Und in zwei Stunden sind wir nur in Pital. Mehr als eine einfache Krankenstation wird der kleine Ort nicht haben.

Ich gebe mich meinem Schicksal hin. Schiebe die düsteren Gedanken beiseite und genieße die Zeit mit Lara. Hilft ja alles nichts. Wir unterhalten uns viel. Lara ist in ihrem Element und versichert mir immer wieder: „Papa, ich reite. Ich habe Erfahrung damit. Das Pferd versteht mich. Können wir bitte schneller? Ich will dir Trapp zeigen. Und halte mich nicht fest. Ich kann reiten.“ Diese Leidenschaft, diese Begeisterung in ihr ist für mich pures Glück.

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Am Ende kommen wir heil und sicher wieder an. Mit steifen Beinen. Ein Sattel ist einfach zu klein für zwei Personen. Zwei Stunden waren wir unterwegs. Lara will morgen nochmal. Ich nicht. Keine leichtfertigen Versprechungen mehr.

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