Aus dem Alltag

Ein typischer Tag im Leben der Familie Barte.

Es ist nachts um drei Uhr. Es sind immer noch fünfundzwanzig Grad in der Hütte am Strand. Der Deckenventilator hält die salzig-feuchte Luft in Bewegung. Sehr angenehm. Klimaanlage hatten wir bis dato noch nicht in Costa Rica. Das ist auch nicht nötig. Regen prasselt auf das Wellblechdach. Sintflutartiger Regen. Unmengen an Wasser. Es ist laut, allerdings nicht unangenehm laut.

Noah wird unruhig. Die Taschenlampe vom Handy geht an. Nadine wird wach und steht auf. Immer mit Taschenlampe. Seit gestern mit wachem Blick auf den Boden. Vorgestern morgen wäre Robert fast in eine handtellergroße Spinne getreten. Das hat uns mal wieder verdeutlicht, dass diese Hütte am Urwaldrand steht.

Alle Zutaten für die Flasche Milch stehen vorbereitet auf dem Nachttisch: Warmes Wasser in der Thermoskanne, exakt 140 Milliliter kaltes Wasser in der Trinkflasche, abgemessenes Pulver für drei Flaschen in einer Plastikbox. Nadine mixt im Halbschlaf die Zutaten und gibt sie ihm. Er schläft direkt darauf wieder ein.

Gegen vier Uhr verarbeitet Lara im Schlaf laut redend den letzten Tag. Keine Aktion bei Lara notwendig. Für uns schon: Wieder einschlafen.

Gegen fünf Uhr zwanzig wacht Noah auf. Gut gelaunt sitzt er im Bett und plappert vor sich hin. Draußen dämmert es bereits. Was will man auch länger im Bett? Robert steht mit ihm auf. Windelwechsel nach circa fünfzehn Minuten. Noah macht sein großes Geschäft mit deutscher Pünktlichkeit morgens zur selben Zeit. Je nach Größe und Lage der Unterkunft und Wetter hat Robert mehrere Optionen. Heute geht es auf die überdachte Veranda krabbeln. Fliesenboden. Das heißt erhöhte Aufmerksamkeit. Ansonsten ist die nächste Beule gewiss. Der Regen lässt langsam nach. Robert kocht Kaffee und nutzt die Zeit zum Aufwachen und lauscht dem Rauschen der Wellen. Die Sonne drückt durch die Wolken und verfärbt sie schwach rosa.

Gegen sechs Uhr ist die Sonne komplett aufgegangen. Es wird sonnig. Lara wacht gegen sechs Uhr dreißig auf. Meistens bleibt sie noch etwas in ihrem Bett liegen, bevor sie entweder zu Nadine kuscheln geht oder zu Robert und Noah spielen kommt. Heute steht sie auf. Lara ist in ihren Bruder verliebt und gibt ihm erst mal einen dicken Kuss.

Um viertel nach sieben kommt Nadine verschlafen aus dem Bett. Nun braucht es zeitnah Frühstück. Noah Milchbrei, der Rest Müsli mit gestern gepflügter Papaya vom Baum hinter der Hütte.

Die Papaya haben wir gestern hinter der Hütte direkt vom Baum geerntet. Weißbrot in Costa Rica ist nicht unsere erste Wahl. Auch die Marmelade ist nichts für uns. Wir vermissen gutes Brot. Und guten Käse.

Wir lassen uns Zeit. Danach werden die nächtlichen Flaschen heiß gespült. Sterilisieren wie in Deutschland machen wir hier nicht. Wie auch. Alle zwei Wochen werden die Flaschen zehn Minuten in kochenden Wasser gelegt. Das muss reichen.

Nadine kocht direkt nach dem Frühstück das Mittagessen für Noah. Ja, wir kochen noch Brei für Noah. Mittagessen immer. Fruchtbrei meistens. Das liegt auch daran, dass es in Costa Rica keine Fertiggläschen mit Mittagessen zu kaufen gibt. Fruchtpüree ohne Zucker und gutes Milchpulver schon. Hafer-, Reis- und Dinkelflocken haben wir noch aus Deutschland dabei. Heute gibt Karotte, Kartoffel und Blumenkohl. Püriertes Fleisch haben wir noch ein letztes Glas aus Deutschland.

Wir schleppen einen kleinen Dämpfer mit uns rum. Darin wird alles für eine gute Stunde gegart. Seit wir das deutsche Gerät mit 110 Volt betreiben, braucht es deutlich länger. Auf der Unterseite des Geräts steht nur 230 Volt als Betriebsspannung. Ob es daher kommt? Egal. Es funktioniert. Pürieren, abfüllen und in den Kühlschrank. Spülen. Generell halten wir die Küchenzeile penibel sauber. Ansonsten feiert allerlei Ungeziefer sofort ein Fest.

Gegen neun sind wir alle angezogen. Es ist dreißig Grad mit knackiger Luftfeuchtigkeit. Schnell noch eine Schicht Sonnencreme verreiben. Darauf folgt eine zweite Schicht Mückenschutzmittel. Mit dem Schweiß nachher wird das Ganze eine ganz potente Chemiewaffe. Einmal in die Augen gerieben, hat man mehrere Minuten Spaß.

Heute unternehmen wir eine geführte, vierstündige Regenwaldwanderung. Der Guide kann gut Englisch. Wir übersetzen zwischendurch immer für Lara. Der Tagesrucksack ist mit gefühlt zehn Kilo randvoll gepackt: Das Mittagessen im Becher für Noah, Flaschennahrung mit Thermoskanne als Reserve. Wasser für Noah in der Nuckelflasche. Snack für Lara. Wasser für uns drei. Regensachen, Windeln, Erste Hilfe. Unterschiedliches Mückenspray für Noah, Lara und uns. Nobite mit DEET für uns, Antibrumm forte ohne DEET für Lara, mosquito für Noah. Sonnencreme. Wechselklamotten für Lara und Noah.

Nadine nimmt Noah in den Bauchgurt, Robert den Rucksack, die Kamera und das Fernglas.

Die Tour ist sehr abwechslungsreich. Für uns. Lara verliert irgendwann die Lust am Laufen. Also hoch zu Robert auf die Schultern. Die einundzwanzig Kilo Gewicht bestehend aus Rucksack und Lara werden als Sporteinheit gewertet. In der Hitze durchaus schweißtreibend. Zumal es zwischendurch nieselt. Nadine hat sich an die lebende Wärmflasche an ihrem Bauch- und Brustbereich gewöhnt. In einem separaten Blog beschreiben wir diese Wanderung durch Primärwald. Seid gespannt.

Gegen halb zwei sind wir zurück. Es hat sich leicht bewölkt. Nein, es gibt keinen Mittagschlaf für uns drei. Lara ist bis abends fit und benötigt eine weitere Beschäftigung.

Ein einfaches Mittagessen erledigt Robert. Noah krabbelt und Lara versucht mit ihm zu spielen. Nadine passt auf. Da Frauen zu mehr als einer Arbeit parallel fähig sind, räumt sie die gestern gewaschene und nun trockene Wäsche auf. Alle fünf Tage brauchen wir frische Kleidung. Die Besitzerin der Hütte war so freundlich und hat zwei Trommeln für uns gewaschen.

Da wir heute Abend essen gehen wollen, werden Toastbrote geschmiert. Darauf der überall gleichschmeckende, gummiartige Käse. Neben Sandwichkäse die einzige weitere Käsespezialität. Papaya dazu. Fertig. Danach alle ab unter die Dusche. Wir sind vom Wandern auf dem rotschlammigen Boden bis an die Knie verdreckt. Außerdem muss das DEET runter.

Es ist fünfzehn Uhr. Noah mitten in seinen Mittagschlaf. Wenn wir ruhig sind, ist er rund zwei Stunden weg. Zeit um die nächsten Unterkünfte zu buchen. In fünf Tagen benötigen wir noch für drei Tage eine Unterkunft weiter nördlich von hier. Danach haben wir bereits für vier Tage eine Ecolodge gebucht. Hoch im Norden von Costa Rica, nahe der nicaraguanischen Grenze, gut vier Stunden Fahrt entfernt. Diese Fahrt gilt es aufzuteilen. Deswegen sollte die Unterkunft für die drei Tage gut gewählt sein. Das ist Nadines Part. Mit Ipad und Lonely Planet Buch checkt sie Varianten und schreibt Emails.

Robert geht derweil mit Lara auf den Spielplatz und an den Strand.

Noah ist wieder wach. Windel wechseln, Nachmittagsbrei füttern. Robert und Lara sind zurück. Lara malt und will mit Nadine puzzeln. Robert kocht wieder Kaffee. Derzeit hat er das Kaffeemehl der Marke „1820“. Sehr schmackhaft.

Nadine wünscht sich einen kurzen Nachmittagsschlaf. Robert geht mit den Kindern in den kleinen Supermarkt um die Ecke und kauft die fehlende Milch, Wasser in sechs Liter Plastikflaschen und Eier. Lara schiebt stolz den Kinderwagen über den Schotterweg. Robert schleppt das Wasser heim. Eine knappe Stunde Ruhe muss für Nadine genügen.

Zurück. Umziehen. Essengehen in einer sehr einfachen Soda, so nennt man hier die einheimischen Restaurants.

Es ist kurz vor achtzehn Uhr. Es wird dunkel.

Um neunzehn Uhr ist allmählich Schluss. Schlafanzug an, Zähneputzen, drei Lieder singen, kuscheln. Ab ins Bett. Bis Ruhe ist, vergeht sicher eine Stunde.

Kurz nach acht ist es soweit. Robert öffnet eine Dose Imperial, ein lokales Bier. Eiskalt läuft es die Kehle hinunter. Man sollte sich mit Alkohol nicht belohnen. Macht er aber trotzdem. Laptop an. Tagebuch und Blog schreiben. Auf der Veranda ist es angenehme fünfundzwanzig Grad. Nadine bereitet derweil die Nacht vor: Wasser kochen, und so weiter. Siehe oben. Wie jeden Tag. Dann geht sie ins Bett. Kurz Nachrichten lesen und Kontakt via WhatsApp halten. Es ist zwanzig Uhr dreißig. Robert kommt vor zweiundzwanzig Uhr nach. Nadine schläft bereits. Mehr Energie ist nicht mehr vorhanden. Der Ventilator surrt.

Um dreiundzwanzig Uhr kommt Noah das erste Mal und hat Hunger. Auch heute holen wir ihn dann in unser Bett. Er hat seit Tagen die Angewohnheit, sich im Schlaf auf den Bauch zu rollen. Auf dem Bauch wird er wach, drückt sich hoch, setzt sich hin und bleibt wach. Und fängt schnell an zu weinen. Schnell aufstehen, damit Lara nicht aufwacht. Dieses Spiel wiederholt sich so lange, bis wir ihn zwischen uns beiden fast einklemmen. Dann ist Ruhe. Für ihn. Wir beide schlafen nur bescheiden. Wir brauchen eine Lösung. Morgen. Für heute ist genug.

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