Meeresschildkröten: Werden wir eine Eiablage miterleben?

Es ist zwanzig Uhr dreißig. Robert und die Kinder schlafen. Nadine fallen regelmäßig die Augen zu, sie ist müde. Morgens geht es täglich um fünf Uhr raus. Heute Abend heißt es aber wach bleiben. Um viertel nach neun geht es los zur Schildkrötentour. Der Tortuguero National Park ist der zweitgrößte Platz der Welt, wo zwischen Juli und Oktober die Grüne Meeresschildkröte – auch Suppenschildkröte genannt – regelmäßig an den Strand kommt, um ihre Eier abzulegen. Die Tiere leben gut tausend Kilometer weiter im Norden. Wir reden hier von Tieren, die über einen Meter lang sind. Die Weibchen kommen immer an ihren Geburtsstrand zurück, um ihre Eier im Sand zu verbuddeln. Faszinierend, wie sie sich mit Hilfe des Erdmagnetfeldes orientieren können.

Robert war gestern bereits unterwegs und hat eine einzige Schildkröte gesehen. Mal sehen, ob Nadine heute Abend auch Glück hat und sich das Wachbleiben lohnt.

Es regnet auf die karibische Art. Bindfäden, bei dreißig Grad. Es ist stockdunkel. Die Gruppe besteht aus neun deutschsprachigen Personen inklusive Silvana, einem neunjährigen Mädchen, mit dem Lara tagsüber bereits Freundschaft geschlossen hat. Barbara, die einzige deutschsprachige Führerin hier in Tortuguero, haben wir zufällig gefunden. Sektor Drei im Nationalpark ist uns zugewiesen. Alles ist durchorganisiert, die Tickets werden kontrolliert. Wir warten mitten im Regenwald ein paar hundert Meter vom Strand entfernt. Es ist finster, man sieht nichts und das alles mitten im Dschungel. Nadine denkt kurz darüber nach, welche Tiere wohl um sie herum sein könnten.

Schlangen, Spinnen. Gott sei Dank sieht man nichts. Man hört eine Kakophonie an Geräuschen. Unheimlich, aber auch spannend. Angst? Nein, wenn Silvana keine Angst hat, muss Nadine auch tapfer sein. Die Entscheidung, Lara nicht mitzunehmen, war richtig. Es kommen immer mehr Menschen dazu, alle warten, bis es losgeht. Während die Gruppen an den Stationen warten, sind am Strand die Sucher unterwegs, die im Dunkeln nach Schildkröten, die an Land wandern, Ausschau halten. Man darf erst an den Strand und in die Nähe einer Schildkröte, wenn sie ihr Nest vorbereitet hat. Vorher könnte sie durch Geräusche und Licht gestört werden.

Dann geht alles ganz schnell. Wir haben ein Zeichen bekommen. Wir müssen uns beeilen. Los geht’s an den Strand. Barbara bekommt letzte Einweisungen am Strand, wir warten. Geduld – das stellt sich noch heraus – ist das, was wir an diesem Abend am meisten benötigen werden. Noch ein paar Minuten, heißt es, dann ist die Schildkröte soweit. Wir warten etwas entfernt. Die Spannung steigt, doch dann überlegt sie es sich anders, bricht ihren Nestbau ab. Eine Baumwurzel hat sie wohl gestört, sie sucht sich ein anderes Fleckchen. Wir sind enttäuscht. Wieder warten.

Es regnet, wir sind nass. Gut, dass wir Regenkleidung anhaben. Obwohl, so schwitzen wir halt mehr. Wir werden zur nächsten Schildkröte gerufen. Gerufen heißt hier am Strand, per Lichtzeichen mit einer Rotlichttaschenlampe. Normale Taschenlampen, Handys und Fotoapparate sind strikt verboten. Dunkle Kleidung Pflicht. Wir laufen am Strand entlang, ein paar Hundert Meter in die andere Richtung. Wie bereits erwähnt, es ist stockfinster, man sieht nichts. Es muss zügig gehen. Die Augen gewöhnen sich langsam an diese Dunkelheit.

Immer wieder stolpert man über Baumstämme oder andere Dinge, die man einfach nicht sieht. Außer Atem kommen wir bei der Schildkröte an und bekommen das Zeichen, dass diese Schildkröte ebenfalls ihren Nestbau abgebrochen hat und nun wieder Richtung Wasser läuft. Schade. Aber wir dürfen dieses Spektakel beobachten. Die Schildkröte ist riesengroß und kommt nur langsam vorwärts. Eine Horde von Menschen läuft langsam hinter ihr her, die einzelnen Guides leuchten abwechselnd von hinten auf das Tier, damit die Gruppen alles besser sehen können. Angeblich stört das die Tiere nicht, da nur Rotlicht verwendet wird.

Ob das wirklich so ist? Spannend, mit welcher Mühe sich so ein Tier wieder ins Wasser schleppt. Über hundert Kilo wiegt eine ausgewachsene Grüne Meeresschildkröte. Faszinierend. Weiter geht’s, das nächste Signal kommt, wieder in die andere Richtung. Auf der Suche eine Schildkröte dabei zu beobachten, wie sie ihre Eier ablegt. In der Summe dauert dieser Prozess für eine Schildkröte circa zwei bis drei Stunden. Aus dem Wasser, Platz suchen, eine dreißig bis fünfzig Zentimeter tiefes Nest graben, Eier ablegen, alles wieder zu buddeln und ab ins Wasser. Bei der nächsten Schildkröte sind wir ein paar Sekunden zu spät, die letzten Eier wurden abgelegt, sie ist gerade dabei, die Eier mit Sand zu bedecken. Dies geschieht nur mit den Hinterflossen. Für das Zugraben des Nestes nutzt die Schildkröte dann sowohl Vorder- wie Hinterflossen.

Nun heißt es wieder: Geduld. An der Stelle sei nochmals erwähnt, es ist sehr schwül und es regnet. Es regnet teilweise sehr heftig und so langsam wird es ungemütlich feucht. Auf einmal sieht Barbara eine Schildkröte aus dem Wasser kommen. Wir sehen sie ersten Minuten nichts, gehen in die Hocke und schauen gespannt auf die Stelle, die Barbara uns zeigt. Wir dürfen uns nicht bewegen. Wenn uns die Schildkröte sieht, kann sie sich erschrecken und wieder ins Meer zurückgehen.

Die Schildkröten können mehrfach in einer Saison ihre Eier ablegen, kommen dafür aber nur maximal alle drei Jahre. Mittlerweile sehen wir sie, zumindest ihre Umrisse und hören das Schlagen ihrer Flossen im Sand. Sie kommt näher. Immer näher. Wir halten den Atem an. Es sind nur noch zwei Meter, dann wäre sie direkt bei uns.

Was tun? Wir bewegen uns langsam im nassen Sand nach hinten und hoffen, dass wir sie nicht stören. Wie aufregend. Das Rauschen der Wellen hilft, um unsere Geräusche zu übertönen. Sie biegt ab, wir haben Angst, dass wir sie erschreckt haben. Aber nein, sie geht Richtung Gebüsch am Ende des Strandes und fängt dort an, ihr Nest vorzubereiten. Puh, geschafft, das war ganz schön eng. Was  für ein Abenteuer.

Nur würden wir noch so gerne die eigentliche Eiablage sehen. Enttäuschung kommt langsam auf. Doch da kommt das nächste Zeichen. Wieder laufen, wieder im Dunkeln über den Strand. Die Füße werden müde, ob wir nun rechtzeitig kommen? Und dieses Mal haben wir Glück. Als wir uns dem Sucher nähern, erklärt er Barbara, dass die Schildkröte die ersten Eier bereits abgelegt hat. Sobald die damit begonnen hat, befindet sich sie in einer Art Trance und kann das Eierlegen nicht mehr abbrechen.

Der Sucher buddelt an ihrem Hinterteil ein Loch in den Sand, um uns die Sicht auf die Eiablage zu ermöglichen. Mit der Rotlichtlampe leuchtet Barbara in den Sand. Und tatsächlich, wir sehen wie die Eier in den Sand fallen. Tischtennisball groß, schneeweiß. Wahnsinn, wir bekommen gar nicht genug und schauen zu. Im Durchschnitt legt die Grüne Meeresschildkröte einhundertzehn Eier. In der Regel schlüpfen auch alle Eier zwei Monate später. Wenn keine Nesträuber, zum Beispiel Stinktiere, Waschbären oder auch Hunde vorher die Eier verstören.

Ganz interessant, die Sonne brütet quasi die Eier aus. Die Temperatur entscheidet über das Geschlecht der Jungtiere. Über dreißig Grad entwickeln sich Weibchen, bei niedrigeren Temperaturen Männchen. Auch interessant: Die Schildkröte hat am Anfang der Legesaison Kontakt mit mehreren Männchen. Sie speichert das Sperma aller Männchen in sich und befruchtet über die nächsten Monate damit ihre Eier. Vier bis fünf Mal kommt sie dann an den Strand zum Eier legen.

Geschafft, wir sind alle glücklich, doch noch eine die Eiablage gesehen zu haben. Mittlerweile ist es fast Mitternacht, nun heißt es Orientierung wiederfinden und durch den Nationalpark zurücklaufen. Es regnet immer noch, die Wege dort sind durchgeweicht. Überall Schlamm und Pfützen. Alles ist nass, die Schuhe sind komplett schlammig und nass, die Finger aufgeweicht.

Nadine denkt kurz darüber nach, wie das nur wieder alles trocknen soll – bei dieser Luftfeuchtigkeit hier. Doch das ist heute egal. Es war ein einmaliges Erlebnis. Ohne Fotos, aber mit vielen bleibenden Erinnerungen im Kopf. Das Wachbleiben und die Nässe haben sich mehr als gelohnt.

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