Die Windeln sind billiger

Es ist der neunte August morgens fünf Uhr. Der Wecker klingelt. Zeit die übrigen Sachen zusammenzupacken. Heute geht es nach San José, Costa Rica. Robert quetscht die letzten Sachen in die beiden großen Rucksäcke und die beiden Tagesrucksäcke. Die Rucksäcke sind voll. Voll, obwohl das Packen mit System geschah.

Kurz vor sechs stehen wir abholbereit vor der Unterkunft. Das schwarze Taxi wartet. Wir sind beindruckt. Ein Chevrolet Suburban steht da. Fünf Meter sechzig lang, eins neunzig hoch, V8 Diesel. Ein VW Bus ist ein Kleinwagen dagegen. Da hat unsere deutliche Bitte bei der Taxizentrale nach einem Auto mit großem Kofferraum Wirkung gezeigt. Oder hat Nadine beim Telefonat mit dem Gepäck etwas übertrieben? Egal. Wir genießen die kurze Fahrt.

Punkt sechs Uhr dreißig stehen wir am Schalter von American Airlines. Wir hatten das Ticket bereits in Deutschland als Vollzahler fest gebucht. Wir wollten sichergehen, dass alles klappt. Vor allem auch, weil der Vulkan bei San José immer wieder aktiv ist und den Flughafen lahm legen kann. Da war uns der Standby-Flug einfach zu heikel.

Die Dame am Schalter ist überaus nett. Wir erfahren, dass Noah nicht auf diesen Flug gebucht ist. Wir schauen irritiert. Ohne viel Aufheben registriert sie Noah. Das dauert recht lange, da ein neues PC-System einführt wurde. Zwölf Dollar kostet Noah. Alles gut. So scheint es. Nachdem alle Steuern und Servicefees aufgeschlagen sind, haben wir fast hundert Dollar zu bezahlen. Nun schauen wir leicht erbost. Diskutieren hilft nichts, die Dame kann ja nichts dafür. Müssen wir mit American Airline in Deutschland klären.

Ärgerlich nur, dass wir in Deutschland extra vor der Buchung mit American Airlines telefoniert. Wegen Noah, da er unter zwei Jahre alt ist. Und wegen den beiden Autositzen und dem Kinderwagen. Diese Artikel können wir kostenfrei mitnehmen, versicherte man uns damals. Auch eine Wickeltasche darf zusätzlich mit an Bord. Also alles gut, sollte man meinen.

Wir müssen den Kinderwagen wiegen. Über zwanzig Pfund ist er schwer. Alles nicht mit ans Gate, sondern als Sperrgepäck aufgeben – aber kostenfrei. Die Autositze kommen, wie bestätigt, kostenfrei mit.

Nun erfahren wir allerdings, dass wir für jedes Stück Gepäck fünfundzwanzig Dollar zu zahlen haben. Wir schauen wieder irritiert. Die Zeit zum Boarding um acht Uhr fünf tickt. Keine Zeit für Diskussionen. Die nächsten fünfundsiebzig Dollar. Fünfundsiebzig? Jap, die beiden Reiserucksäcke und einhundertachtzig Windeln, Größe Drei, fest mit Frischhaltefolie umwickelt. Wir hatten recherchiert, dass in Costa Rica Windeln schwer zu finden und sehr teuer sind. Deswegen der Windelvorrat, den wir nun schon zwölf Tage als Gepäckstück mit uns rumschleppen.

Beim dritten Gepäckstück, Roberts Rucksack, verengen sich die Augen der immer noch sehr freundlichen Schalterdame. Das heißt nichts Gutes. Die Gewichtsanzeige zeigt sechsundfünfzig Pfund. „The maximum weight per luggage is fifty pounds“. Robert schaut treudoof und mit extra liebem Hundeblick. Keine Chance.

Mittlerweile ist es sieben Uhr zwanzig. Wir haben noch alle Abflugkontrollen vor uns. Und mit einem Liter kaltem Wasser, einer Thermoskanne Wasser, selbstgekochtem Brei und zehn Obstgläschen werden wir auch dort noch Diskussionen führen müssen. Warum die Gläschen nicht in den Rucksack? Kein Platz. Ganz einfach.

Also, was kosten die sechs Pfund Übergewicht. „One hundred dollar“, so die Dame. Jetzt hat Robert genug. Der Flug entwickelt sich zum Groschengrab. Schnell überlegt, in welchem Rucksackbereich sich schwere Dinge befinden: Sonnencreme, etc. Dann überlegen, in welchem Bereich sich leichte Sachen in Nadines Rucksack befinden. Jeder, der schon mal einen großen Rucksack bis in den letzten Winkel wirklich vollgeladen hat, weiß, dass man in Hektik bei so einer Aktion eigentlich nur verlieren kann. Sobald man Dinge herauszehrt, ist das ganze System hinfällig.

Robert schafft es auf zweiundfünfzig Pfund. „Not good enough“, erläutert die Dame. Genau fünfzig müssen es sein.

Haben wir erwähnt, dass hinter uns die Schlange immer länger wird? Haben wir erwähnt, dass nicht alle Menschen in der Schlange uns freundlich anlächeln?

Robert zieht den letzten Joker: Das Beikostöl für Noah sowie sein Spülmittel für die AVENT-Becher und Trinkflaschen. Mit einundfünfzig Pfund hat die Dame Mitleid und nimmt den Rucksack an.

Nach weit über einer Stunde kommen wir endlich weiter. Robert will gerade das Öl und das Spülmittel wegschmeißen, da ruft Nadine laut: „Nein, das kommt in die Wickeltasche.“ Robert schaut überrascht. Wie wollen wir das an der Kontrolle erklären. Die beiden einigen sich darauf, das Öl zu behalten und das Spüli wegzuschmeißen.

Wie zu erwarten, wird Nadine mit der randvollen Wickeltasche zur Seite geholt. Die Security-Dame ist sehr verständnisvoll. Auf Ihre Frage, was wir auf einem zweieinhalb Stunden Flug mit zehn Obstgläschen für ein Baby machen wollen, antwortet Nadine selbstsicher: „We are from Germany. This is normal for us“.

“Stupid germans”, denkt die gute Dame wahrscheinlich. Thema durch. „And what about the bottle of oil? Why do you need this during the flight“? Nadine wieder im Brustton der Überzeugung: “We need it to cook our own baby food.”

„Stupid germans“, denkt sie sicher wieder. Dumm, aber harmlos. Wir dürfen weiter. „Ich hätte das Spülmittel auch noch mit durchgebracht“, meint Nadine zu Robert. Er hat genug. Wir hetzen durch den riesengroßen Flughafen und schaffen es gerade zum Check In. Geschafft.

Der Flug verläuft sehr entspannt mit den Kindern. Nach einer Tasse Kaffee lachen die beiden über die gerade erlebte Situation. Was für ein Morgen.

Nachmittags geht es zum Einkaufen in den erstbesten Supermarkt. Robert steht vor Babyartikelregal. Hier gibt es Pampers Windeln. Billiger als in Deutschland. Unfassbar. Robert findet das gar nicht lustig. Das Internet: voller Fake News. Nicht mal auf Informationen zu Windeln kann man sich verlassen. Da schleifen wir einhundertachtzig Windeln durch die halbe Welt. Zahlen heute nochmal fünfundzwanzig Dollar Gepäckgebühr auf das Windelpaket. Das Internet gehört abgeschaltet. Ganz einfach.

Doch was sehen Roberts Augen auf dem Obststand nebenan: reife Papayas. Für siebenhundertfünfzig Colones. Etwas mehr als ein Euro. Aus deutscher Sicht praktisch umsonst. Alles wird gut. Das Internet darf an bleiben. Lara bekommt zwei gelbe Kiwis. Die Welt ist wieder wundervoll.

Überhaupt haben wir einen schönen ersten Tag hier in Costa Rica erlebt. Doch dazu in einem anderen Blog mehr.

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