Es sind diese kleinen Momente

Bereits nach ein paar Tagen können wir sagen: Reisen mit zwei Kleinkindern ist ganzheitlich und lässt wenig Raum für eigene Bedürfnisse. Und es ist anstrengend. Nicht im negativen Sinne anstrengend. Abends fühlen wir uns oft wie nach einer langen Sporteinheit. Platt, fertig, energielos, aber glücklich.

Wie beim Halbmarathon fragt man sich zwischendurch: „Warum machen wir das eigentlich?“. Natürlich gibt es auch Momente, in denen heißt es einfach durchbeißen.

So wie gestern auf der Autofahrt von Orlando nach Miami. Das Navi sagt gut dreihundert Kilometer. Die meisten davon auf der freien, gebührenpflichtigen Turnpike. Sollte zu schaffen sein, denken wir uns. Noah hält seinen Mittagschlaf, Lara singt gutgelaunt mit uns. Der Tempomat ist auf die erlaubten siebzig miles per hour eingestellt. Wir machen Pause bei Donkin´ Donuts. Lara isst Ihren ersten Glazed Donut. Was für ein Lächeln.

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Hundert Kilometer vor Miami fahren wir in einen Stau. Lara hat keine Lust mehr, Noah ist hungrig und schreit, Nadine muss aufs Klo. Wir fahren ab. Ungeplant, ohne zu wissen, was es hier gibt. Keine gute Basis um sachlich gute Entscheidungen zu treffen. Zumal alle Zufahrtsstraßen in Richtung Süden dicht sind. Eine Riesenbaustelle. Super. Es war die falsche Entscheidung hier abzufahren. Wir müssen ja wieder auf die Autobahn. Also in die entgegengesetzte Richtung zum zähfließenden Verkehr und auf den Parkplatz eines kleinen Einkaufscenters. Mittlerweile ist es halb sechs und der Hunger gesellt sich dazu. Robert steigt mit Lara aus. Die feuchte Hitze von sechsunddreißig schwülen Grad trifft auf unsere klimatisierten Körper. Das hebt die Stimmung nicht gerade. Man wird demütig. Nadine bleibt bei laufendem Motor mit Noah im Wagen sitzen – in Deutschland undenkbar. In einem Restaurant fragen wir die Hostess am Eingang nach einem Park oder Spielplatz. Ein grünes Fleckchen im Schatten zum Spielen und Krabbeln wäre schön.

Wir bekommen unsere Info in einer Reinigung nebenan. Auch Nadine war fleißig und hat das Offline-Navi erfolgreich nach einem State Park durchstöbert. So haben wir zwei Varianten.

Lara macht noch kurz zwischen zwei offenen Autotüren ihr großes Geschäft. Robert fühlt sich wie ein Hundebesitzer und sammelt mit Tüte die Hinterlassenschaften auf. Lara ist da Gottseidank einfach.

Los geht’s, leider immer weiter weg von der Autobahn, 8 Meilen sollten es sein. Doch auf dem Weg sehen wir einen Spielplatz inklusive Picknick Platz im Schatten. Klare Entscheidung, wir drehen um und machen Pause im Veterans Park. Dieser ist sehr gepflegt, mit Spielplatz und Klo für Nadine. Es ist immer noch drückend schwülheiß. Noah krabbelt und futtert den halben Spielplatzsand. Der restliche Sand ist bald in jeder Ritze. Nein, nicht entspannend für Eltern, die nonstop aufpassen müssen.

Wir picknicken Brot mit Käse und Melone.

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Gestern haben wir eine Kühlbox aus Styropor gekauft. Drei Dollar. Die Box ist die Rettung für unsere Lebensmittel, die wir in Orlando gekauft haben. Ein Dank an Lara, die die Box gestern gefunden hat. Wir waren im Walmart einkaufen. Lara bleibt mit Begeisterung an gefühlt zehn Meter langen Tiefkühlregal mit Eiscreme stehen. Ein Becher Häagen Dasz. Die Geschmacksrichtung Dunkle Schokolade mit Peanut Butter hat sie sich nach langem Entscheidungsprozess ausgesucht. Nur wie transportieren? Robert erklärte: “Wir können kein Eis kaufen, da es die fünfzehn Minuten Fahrt zur Unterkunft in Orlando nicht überstehen wird.“ Erwartungsgemäß war diese Antwort nicht befriedigend. Lara lief daraufhin durch den Laden mit Scanner-Blick, wie es nur Kinder können. Im Bereich der Kasse entdeckte Lara dann die erwähnte Kühlbox. Also kam das Eis doch mit und beglückte uns drei wenig später. Einfach lecker!

Zurück in die Gegenwart und die Fahrt.

Der Stau hat sich aufgelöst. Die restlichen Kilometer sind ein Klacks. Die Fahrt abends durch das erleuchtete Miami ist grandios. Die Unterkunft in South Beach bald gefunden. Das kalte Budweiser light um zehn abends eine verdiente Belohnung für einen langen Tag, der morgens um sechs mit Autopacken und Schwimmen im Pool in Orlando begonnen hat.

Warum tun wir uns das an? Hier ein Beispiel:

Genau dafür. Am nächsten Morgen ist Noah wie gewohnt gegen halb sechs wach. Nadine hat wie immer die Nachtschicht um zwölf und drei übernommen. Robert steht dafür morgens auf. Kurzerhand packt er Noah in den Bauchgurt und läuft die drei Blocks zum Strand. Die Sonne geht gerade auf. Eine Anzeige gibt achtundachtzig Grad Fahrenheit als momentane Temperatur an. Sehr warm. Es geht ein angenehmer Wind. Das Meer rauscht, es sind nur wenige Menschen hier. Robert saugt den Augenblick in sich auf. Noah auch, so scheint es. Die beiden bilden eine Einheit. Langsam geht es am Strand entlang. Manche Menschen joggen, andere machen Yoga. Wieder andere sind direkt vom Club und nüchtern aus. Ein ruhige Stimmung, ausgeglichen. Man grüßt sich. Ein besonderer Vibe.

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Auf dem Rückweg bleibt Robert vor einem einfachen kubanischen Café stehen. Ist das ein klassischer Halbautomat hinter dem Tresen? Jap, eine Rancilio. Roberts F&B-Herz schlägt höher. Das wäre der erste gute Kaffee seit Tagen. Schnell einen doppelten Espresso bestellt. Der Brühvorgang läßt Roberts Augen leuchten. „Rancilio is the best coffeemaschine in the world“, so der kubanische Barmann in sehr gebrochenem Englisch. Kaffeemachen kann er, soviel steht nach dem ersten Schluck fest. Nur etwas viel Zucker hat er mit eingerührt. Egal, so wird das Getränk zu einem perfekten Wachmacher.

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Es sind genau diese kleinen Momente.

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